Bloggen: Selbstdarstellung im Web

Wer einen öffentlichen Blog betreibt, der gibt immer auch etwas Privates von sich preis. In der Debatte um Datenschutz und den Verlust von Privatheit durch Internet und Social Media klingt das erst einmal nach etwas Bedrohlichem. Aber wir wissen ja: Menschen kaufen von Menschen. Wir wollen wissen, wer das ist, der uns Information, Wissen oder sonstiges anbietet. Daher kommt spätestens an dem Punkt, an dem du etwas verkaufen willst, die Frage nach der Selbstdarstellung: Welche Informationen über mich zeige ich der Welt und welche bleiben privat? Und als nächstes muss man sich dann fragen: Wie präsentiere ich diese Informationen und was macht das mit mir?

In der Linguistik ist die Kommunikation im Web natürlich schon lange Thema. Hier ergeben sich neue Kommunikationsformen, hier passiert Sprachwandel und hier entstehen neue Wörter und Sprachmuster. Man denke nur an Chatsprache, Kommunikation in Foren und auf den verschiedenen Social Media Plattformen oder eben auf Blogs. Die Kommunikation ist nicht einseitig oder bloß konsumierbar. Hier kann man im Rahmen der technischen Vorgaben interagieren: Man kann kommentieren, antworten, miteinander nahezu in Echtzeit „sprechen“. Diese Kommunikationsformen haben zu einer neuen Form der Selbstdarstellung geführt. Welche das sind und was du daraus lernen kannst, davon handelt dieser Artikel. (Der ist übrigens aus einer Präsentation entstanden, die ich an der Uni gehalten habe.)

 

Motive für das Bloggen – back to the roots

Blogs sind eine sehr spezielle Form von Kommunikation. Ursprünglich als eine Art digitales Tagebuch erdacht, sind sie heute auch komplexe Formen der Wissensvermittlung und werden häufig werblich geführt. Hinter verschiedenen Formen von Blogs stecken unterschiedliche Funktionen, Motive und Routinen: Denken wir an persönliche Blogs, so ergibt sich eine fast unendliche Themenvielfalt. Die wohl bekanntesten Formen sind Reiseblogs, Foodblogs, Fashionblogs, Lifestyleblogs, Buchblogs, Do-it-yourself-Blogs und noch viele mehr. Insgesamt aber gibt es eine so große Vielfalt an Blogs, dass sie hier in dieser Form kaum abbildbar ist. Blogs als journalistische Publikationen sind mittlerweile die Norm. Fast jede Zeitung oder Zeitschrift hat auch ein Online-Angebot und bereitet aktuelle Themen cross-medial auf.

Eine Form von Blog, die immer häufiger wird, ist die der Expertenkommunikation und des persönlichen Wissensmanagements. Weblogs sind ein tolles Werkzeug, um Ideen zu entwickeln und ein Netzwerk aufzubauen. Einerseits im beruflichen Kontext, sprich Interessenten und Kunden anzusprechen. Netzwerken mit Blog kann aber auch im privaten Bereich spannend sein; zum Beispiel wenn man Menschen mit ähnlichen Interessen sucht.

Und hier sind wir auch schnell beim Thema Selbstdarstellung beziehungsweise Marketing. Denn wer Inhalte für andere aufbereitet und zur Verfügung stellt, der muss sich fragen lassen: Was macht dich zum Experten? Warum soll ich das lesen? Dir folgen? Vielleicht sogar deine Beiträge weiterverbreiten?

 

Persönliche und berufliche Selbstdarstellung auf Website und Blog

Blogs verändern die Formen der persönlichen und beruflichen Selbstdarstellung. Denkt man zum Beispiel an Xing, LinkedIn oder Facebook, dann hat die Selbstdarstellung dort nicht mehr viel mit dem klassischen Lebenslauf zu tun. Hier hangeln wir uns nicht an einem festgelegten Muster entlang oder reihen Daten aneinander. Wir versuchen, mit persönlichen Geschichten und Bildern einen guten Eindruck zu machen. Niemand würde wohl auf die Idee kommen, seinen Lebenslauf auf Facebook zu teilen. In anderen Netzwerken gibt es dagegen Parallelen zur klassischen Version, zum Beispiel die Funktion „Berufserfahrung“ auf Xing. Dennoch gibt es Unterschiede zur klassischen Selbstdarstellung offline. Die liegen in der sprachlichen und grafischen Form, aber vor allem im Inhalt.

Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschwimmen

Die Frage ist also: Welche Informationen werden geteilt, welche nicht? Genauer gesagt: Was glauben die Blogger, welche Informationen für die Selbstdarstellung und für ihr jeweiliges Ziel relevant sind? Erstaunlich ist, dass gesellschaftlich relevante Ereignisse weniger geteilt werden als persönlich relevante. Woran liegt das? Auf der einen Seite steht die Angst vor Kontrollverlust und Datenmissbrauch, auf der anderen Seite eine große Bereitschaft, private Dinge von sich zu erzählen.

Diese Bereitschaft, Informationen über das Selbst preiszugeben („self-disclosure“) scheint in Web-Formaten höher zu sein als in der Face-to-Face-Kommunikation. Wir haben nicht das Gefühl, öffentlich zu handeln. Es ist keine räumliche Nähe da, die uns zurückhält, allzu privat zu handeln. Daher haben wir bei manchen Bloggern auch das Gefühl, wir kennen sie. Wir wissen, was ihre Lieblingsfarbe ist, wie sie ihren Kaffee trinken oder welche Pläne sie für den Sommer gemacht haben. Natürlich sind das alles keine Dinge, die auf Identitätsebene eine Rolle spielen. Dennoch gibt es einen Hang dazu, mehr oder weniger private Informationen öffentlich zu machen. Auch oder gerade in Bildform.

Regulierung von Privatsphäre

Abseits der erhöhten „self-disclosure“ im Web gibt es aber immer wieder Diskussionen über die Erhaltung eines Privatlebens. Blogger diskutieren, wie viel sie wirklich über sich erzählen wollen. Welche Bereiche definitiv ausgeklammert bleiben sollen. Ob sie mit der Situation, in der Öffentlichkeit zu stehen, zurecht kommen. Blogger-Aktivitäten bewegen sich also auch im Rahmen der Regulierung von Privatsphäre („need for privacy“).

Zu den Themen „self-disclosure“ und „need for privacy“ vgl. Reinecke, Leonard/ Trepte, Sabine (2005): Privatsphäre 2.0: Konzepte von Privatheit, Intimsphäre und Werten im Umgang mit >user-generated-content<, in: Zerfaß, Ansgar/ Welker, Martin/ Schmidt, Jan (Hrsg.) (2008): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum, Köln: Halem-Verlag, S. 205-227.

Es ergibt sich ein Spannungsfeld aus Selbstdarstellung, Privatsphäre, Netzwerken und dem Wunsch nach Bestätigung. Denn auch das spielt eine Rolle. Es ist DER Mechanismus schlechthin, seit es den Facebook-Daumen gibt. Wer likt (oder vergibt Herzchen), wer teilt, wer kommentiert. All das ist eben auch eine Sucht nach Bestätigung. Und die ist nicht zu unterschätzen. Wir passen uns nicht nur den neuen Kommunikationsformen an, sondern auch den technischen Begebenheiten. Wir wissen: Privates wird häufiger gelikt, Bilder (sprich Selfies) erreichen oft hohe Reichweiten. Also verändern wir unsere Kommunikation im Web so, je nachdem, welchen Zweck wir verfolgen.

 

Die Über-mich-Seite: Selbstdarstellung par excellence

Die Frage, wie Blogger sich im Web präsentieren, lässt sich am besten beantworten, indem man ihr Über-mich-Seiten analysiert und vergleicht. Die Linguistik fragt sich ja, in welchen (sprachlichen) Formen Informationen vermittelt werden. Wie also präsentieren sich Blogger (sprachlich) auf ihren Websites? Und gibt es spezielle Formen, die sich hier in dieser Textform manifestieren?

Natürlich ist die Gestaltung der Über-mich-Seite abhängig davon, welchen Zweck man mit dem Blog verfolgt. Wen man damit ansprechen will und zu welcher Aktion man seine Leser bewegen möchte (Call to action). Grundlegende Funktionen der Über-mich-Seite:

  • Ist auf fast jeder Website vorhanden.
  • Ist oftmals eine der höchstfrequentierten Seiten einer Website.
  • Enthält Informationen über
    • den/die Betreiber der Website (Unternehmen/Einzelunternehmer, Privatperson, Gruppe von Betreibern -> beim Blog meist gleichzusetzen mit den Autoren) sowie
    • die Seite/das Thema der Seite, die Geschichte und Intention der Seite.
  • Manchmal gibt es auch mehrere „About-Seiten“, zum Beispiel eine über die betreibende Person, eine über den Blog.
  • Enthält neben dem Impressum die wichtigsten Angaben über die Quelle des Contents.
  • Gibt Informationen über Qualität und Intention des Contents:
    • Warum existiert diese Website/ existieren diese Blogartikel?
    • Welchen Background hat der Autor/ haben die Autoren?
    • Wie glaubhaft ist der Content? Sind die Autoren Experten für ihr Thema?
    • Wie muss ich die Website lesen/ anschauen/ konsumieren? Ist diese Seite überhaupt etwas für mich?

    Warum es auf der Über-mich-Seite nicht um dich geht

    Dieser letzte Punkt in der Liste ist der Grund, warum Seiten aussehen, wie sie aussehen. Über-mich-Seiten sind meist sehr genau auf die Zielgruppe abgestimmt. Mehr noch als einzelne Blogartikel oder die Startseite. Denn wer die Über-mich-Seite anklickt, will eigentlich nur wissen, ob er wiederkommen soll. Ob es sich lohnt, ein Lesezeichen zu setzen oder gar die Seite zu abonnieren, sich in den Newsletter einzutragen. Warum man aus all den Angeboten da draußen ausgerechnet dieses annehmen soll.

    Dabei reicht es eben nicht aus, zu beschreiben, was man auf der Website findet. Man muss eben auch klar machen, warum man Experte für das jeweilige Thema ist. Und, warum man sympathisch ist. Gerade im Bereich Coaching/Beratung wollen die Leser wissen, mit wem sie es zu tun haben. Texte auf Über-mich-Seiten sind in der Regel sehr nähesprachlich formuliert. Es geht darum, eine Verbindung zum Leser herzustellen. Und daher gibt es auf Über-mich-Seiten diese (pseudo-)privaten Informationen, die aber meist mit dem Thema des Blogs zu tun haben. Aus sprachlicher Sicht sind hier besonders Themen wie Informationsstrukturen, Sprechhandlungen (erzählen, erklären etc.), Leseransprache und Aufbau interessant. Und natürlich auch Leserführung und Call-to-action, da hier die Intention der Seite deutlich wird.

    Einige Beispiele: Eine Mutter erzählt von ihrem wuseligen Familienalltag mit den Kids, weil es auf ihrem Blog um Produktivität und Organisation geht. Eine Reisebloggerin gibt natürlich ihre liebsten Reiseziele preis und kann dabei auch kleine Episoden aus ihrem Leben erzählen. Ziel ist es immer, Gemeinsamkeiten herzustellen zwischen Blogger und Leser. Ach, die ist wie ich? Alles klar, dann möchte ich mehr wissen. Diese Mechanismen sind gerade auf persönlichen Blogs sehr beliebt und funktionieren gut.

    Warum solltest du dich als Blogger mit dem Thema Selbstdarstellung beschäftigen?

    Einerseits ist es wichtig zu wissen, wie du zum Thema Öffentlichkeit stehst. Denn dein Blog und deine Website können grundsätzlich von jeder beliebigen Person gesehen werden. Daher ist es wichtig zu wissen, wie man zum Thema Selbstdarstellung und Privatheit umgehen möchte. Erzählst du von deinem Leben und gibst Beispiele, schreibst, was dir wichtig ist? Oder bleibst du eher nüchtern und sachlich? Welche Informationen teilst du, welche bleiben auf jeden Fall privat? Wie nah willst du deiner Zielgruppe sein? Es gibt dir Sicherheit und ein gutes Gefühl, wenn du in diesem Punkt klar bist.

    Der andere Punkt liegt darin, dass du wissen solltest, wie die Mechanismen funktionieren. Denn nur so kannst du gezielt für deine Zielgruppe texten. Wenn du also mit deinem Blog oder deiner Website verkaufen willst, dann solltest du wissen wie Leser sich auf Websites bewegen und wo sie nach welchen Informationen suchen. Ich werde in den kommenden Tagen oder Wochen definitiv noch einen Artikel zum Thema Über-mich-Seite schreiben. Nicht so wissenschaftlich wie dieser, sondern als Anleitung.

    Wie ist es bei dir? Hast du eine Über-mich-Seite und wenn ja, welchen Zweck erfüllt sie? Hast du gezielt über das Thema Selbstdarstellung auf deiner Website nachgedacht? Schreib mir gern deine Gedanken zum Thema in die Kommentare!

     

2 Gedanken zu „Bloggen: Selbstdarstellung im Web

  1. Hallo Anna, mein Haupt-Blog(mefd.de) hat eine Über-Mich-Seite, die ich gerade umbaue. Ich habe mir natürlich Gedanken und meine Selbstdarstellung gemacht und hauptsächlich Aspekte, die dem Blog dienlich sind, eingefügt. Allerdings bin ich unsicher, wie weit ich das Spektrum meiner Interessen dort aufführe. ich habe einige andere Accounts im Netz(Tumlr, Insta, Pinterest), die zwar nicht zum Thema des Blogs gehören, aber vermitteln könnten, was für ein Mensch im Blog schreibt.

    Anfangs war mein Blog eher als eine Art Tagebuch-Blog fürs Abnehmen gedacht. Dort habe ich über persönliche Erfolge und Misserfolge geschrieben, die zum Thema des Blogs(abnehmen/Sport) passten. Da ich mein Blog neu ausrichten will, habe ich die alten Sachen größtenteils gelöscht.

    Zur Selbstdarstellung habe ich ein weiteres Blog ins Leben gerufen (janhacke.de) Dort verfolge ich das Ziel, meine Interessen(Musik, Sport, Technik, Meisterschule, Alltag) zu verschriftlichen. Leider bin ich da etwas faul geworden. Dort habe ich erstaunlicherweise keine Über-Mich-Seite(was ich mal anlegen sollte).

    1. Ach, wie schade dass du die Beiträge gelöscht hast. Ich finde gerade das toll an Blogs, dass man eine Entwicklung sehen kann. Ich habe auch einige Beiträge hier auf dem Blog, die nicht mehr so ganz zu der aktuellen Ausrichtung passen. Aber sie stören ja auch nicht. Und ich kenne niemanden, der sich durch alle Beiträge auf einem Blog klickt und hinterher meckert, dass das Thema nicht klar ist. Aber das ist nur meine Meinung.

      Ich denke, der Tagebuchcharakter deines Blogs ist eher ein Pluspunkt, denn hier spiegelt sich ja deine Motivation zum bloggen wider. Und es ist ein klarer Persönlichkeits-Boost. Ich denke nicht, dass es sich ausschließt, wenn man auf verschiedenen Blogs schreibt. Also, klare Empfehlung von mir: Über-mich-Seiten pflegen und regelmäßig aktualisieren!

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