Reflexion 2016: Warum ich unheimlich stolz auf mich bin

Im Dezember war es am schlimmsten. Um mich herum tobten die Diskussionen, warum 2016 das schlimmste, schlechteste und ätzendste Jahr ever war. Es seien zu viele bedeutende Persönlichkeiten gestorben, da sei zu viel Leid in der Welt und generell… Ja, generell sei es halt ein furchtbares Jahr gewesen. Und mitten in diesen Diskussionen und Facebook-Posts war ich. Ich hielt mich zurück, denn ich konnte nichts schlechtes über dieses Jahr sagen. Ja, klar, es sind schlimme Dinge passiert. Und ja, vielleicht kommt es uns auch gerade so vor, als sei alles ganz schlecht und als sei früher alles besser gewesen. Aber für mich war es ein Jahr mit großen persönlichen Erfolgen. Ein Jahr, das mich stolz gemacht hat und immer noch stolz macht.

Ich bin kein großer Fan von Rückblicken. Schon gar nicht Jahres-Rückblicken. Mir scheint, als mache es derzeit jeder und als verliere es dadurch an Kraft. Aber: Ich bin ein großer Fan von Reflexion. Ich kann gar nicht anders, als über mein Handeln, meine Motive und meine Gedanken nachzudenken. Erst gestern sagte mir ein Freund „Kannst du deinem Kopf nicht mal eine Pause gönnen? Und nicht ständig denken, analysieren und einordnen? Bei dir soll es weniger im Kopf rattern.“ Und ich sagte nur „Das kannst du nicht beeinflussen. Ich übrigens auch nicht.“ Warum ich mich nun doch hinsetze und diesen Artikel schreibe, liegt an Kathrin Eß von From Suburbia With Love. Sie rief zur Blogparade auf und fragte danach, welche Learnings das Jahr 2016 gebracht hat. Und lehrreich war mein 2016 auf jeden Fall.

 

Der Start: Finanzen und Entscheidungen

Mein Jahr 2016 fing gut an. Ich hatte zwei tolle Projekte abgeschlossen, mein Kontostand bewegte sich im positiven Bereich (sogar in Sachen Unterhalt tat sich was) und ich war gut drauf. Ich hatte den Eindruck, von diesem Schwung noch lange zehren zu können. Es kamen neue Anfragen, neue Kunden, neue Ideen und auch in meinen diversen Netzwerken war richtig was los.

Dann aber flatterte der Brief von der Uni in meinen Briefkasten. Die Aufforderung zur Rückmeldung hatte ich ja schon per E-Mail bekommen. Jetzt aber wurde es offiziell: Ich hatte noch ein einziges Semester, um meinen Abschluss zu machen. Ansonsten: Exmatrikulation. Es ist doch verrückt, denn ich wusste ja schon seit langer Zeit, dass dieser Zeitpunkt kommen würde. Mal hatte ich gedacht, ich schaffe es, und mal wollte ich nur noch alles hinschmeißen. Jetzt aber musste ich mich entscheiden: Entweder ich investiere Zeit (und damit auch Geld) in dieses große Projekt, oder aber ich verlasse die Uni und sehe es als gescheitert an. Über 10 Jahre. Ich wollte es einfach nicht so stehen lassen.

Eine weitere Entscheidung hatte ich bereits getroffen – und auch sie würde mich Zeit und Geld kosten: Eine neue Wohnung. Im Haus wurde eine größere Wohnung frei, mit einem Zimmer mehr. Endlich also würde ich wieder ein eigenes Zimmer haben. Und auch mein Sohn würde sich weiter ausbreiten und auch mal zurückziehen können. Aber es musste halt dieses Jahr sein, denn jetzt wurde sie frei. Arbeit, Zeit und Geld – ich hatte Respekt und auch ein bisschen Angst. Denn auch wenn ich tolle Freunde, eine kleine aber feine Familie und ein zuverlässiges Netzwerk habe, es bleib dabei: Ich muss es allein schaffen.

 

Kleine und große Hürden: Warum der Alltag immer stressig ist

Jetzt in der Reflexion erinnere ich mich nicht mehr so klar, aber damals war es ziemlich schlimm. Ich hatte eine große Liste mit Teilzielen gemacht, die ich alle erreichen musste, um das Zeugnis im Oktober in der Hand halten zu können. Diese Liste war so lang, dass ich Angst bekam. Sie war voll mit sehr unangenehmen Aufgaben, die ich nicht umsonst seit Jahren vor mir her schob. Nachdem ich für eine Weile erstarrte und sie nicht mehr anschaute, kam aber der Moment, an dem ich dachte „Ärmel hoch und los“.

Natürlich hörte mein sonstiges Leben nicht einfach auf. Ständig kam mir wieder etwas dazwischen, mussten noch andere Dinge erledigt werden. Die Entfernung meiner Weisheitszähne, die ich auch schon länger aufgeschoben hatte, dann die ersten Kisten, die gepackt werden wollten. Und mittendrin ein Kind, das (zu Recht!) meine Aufmerksamkeit einforderte und mich immer wieder daran erinnerte, dass ich zu viele Jobs habe. Denn wie auch schon als Baby konnte ich mich nicht darauf verlassen, dass mein Sohn irgendwann schläft. Dass ich jeden Abend Zeit habe, um weiter zu arbeiten. Im Gegenteil: Wir wurden beide immer müder. Ich musste also reduzieren, und zwar drastisch.

 

Was kann weg?

Oft war ich an einem Punkt, an dem ich dachte, ich schaffe es nicht. Aber stur wie ich bin, wollte ich auch nicht aufgeben. Ich hatte doch schon so viel investiert und das Ende war absehbar. Also noch mal in die Reflexion, noch mal Rat suchen und erneut Prioritäten setzen. Denn nur so (und mit viel Unterstützung toller Menschen!) ist es möglich, scheinbar unmögliche Projekte abzuschließen.

Der Sommer war hart. Echt hart. Ich habe vier Hausarbeiten und meine BA-Arbeit in 4 Monaten geschrieben. Neben meinen Jobs, als allein erziehende Mutter. Dass das geklappt hat, ist der Verdienst vieler Menschen: Großartige Kunden, die meine Situation verstanden und mich unterstützten, obwohl ich weniger Zeit in ihre Firmen und Projekte stecken konnte. Familie und Freunde, die mich und meinen Sohn an allen Fronten unterstützten, egal ob durch Babysitten, kochen, Hilfe bei Renovierung und Umzug, einkaufen oder einfach mal ein Feierabend-Kopf-leer-machen-Bierchen im Garten. Denn auch das gehört dazu. Von den Dingen erzählen, die einen bewegen. Sich beraten. Pausen machen und einfach mal an gar nichts denken. Und Hilfen annehmen. Kleine und große Etappensiege feiern. Und dann auch mal noch ein zweites Bier trinken, obwohl man genau weiß, dass man die Zeit in die Abschlussarbeit stecken sollte.

 

Wie es sich anfühlt, lange aufgeschobene Dinge zu tun

Als ich meine Abschlussarbeit im Prüfungsamt abgegeben hatten, war ich nur noch müde. Ich hatte die Nacht durch geschrieben, nur noch ganz kurz quer gelesen und schließlich das fertige Skript zum Druck geschickt. Hauptsache weg. Und was soll ich sagen: Es fühlte sich in dem Moment gar nicht so sehr nach Stolz an, sondern nach Befreiung. Da war ein großer Berg an Arbeit weg und wahnsinnig viel Druck. Der Stolz kam aber noch, etwas später. Als die Note und die Gutachten kamen. Ich habe etwas Großes geschafft. Und ich habe es verdammt noch mal so richtig gut geschafft.

Ende November habe ich die letzte Hausarbeit abgegeben, Anfang Oktober hatte ich mein Zeugnis in der Hand. Und im Dezember dann, beim Absolvententag, da war der Stolz immer noch da. Vielleicht ist es für viele andere kein großer Verdienst, diesen Abschluss zu schaffen. Bestimmt ist es auch nichts, was andere nicht schaffen. Aber meine Geschichte und meine Lebensumstände haben es für mich zu einem Projekt gemacht, das unmöglich schien. Zu einer Aufgabe, die lange schien, als sei sie zu groß für mich. Ich habe mich durchgebissen. Und ich bin stolz.

 

Was kommt danach? 2017, das Aufbau-Jahr

Viele Dinge sind liegen geblieben. Nicht nur beruflich, sondern auch privat. Kaum noch Sport, kaum noch regelmäßiges Essen, wenig Zeit für Kontakte und Freunde, ebenso wenig für ehrenamtliches Engagement. Vieles davon möchte ich wieder aufbauen. Aber ich lasse es langsam angehen. Denn das Jahr des Stresses, des Drucks aber auch des Erfolgs, war 2016.

 

Bild: Public Domain. Simon, Pixabay

 

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