Eine Frage des Stils? Du vs. Sie

Ach, wie schön wäre es doch, wenn wir wie im Englischen nur eine Anredeform kennen würden – das würde nicht nur vielen Nicht-Muttersprachlern unsere schöne deutsche Sprache erleichtern, sondern möglicherweise auch uns selbst. Oder? Was bringen die konventionellen Regeln? Und wie werden sie eigentlich angewendet? In welchen Kontexten? Wann muss ich Siezen, wann darf ich Duzen und wer bestimmt eigentlich, wann man vom „Sie“ zum „Du“ übergeht?

Im Studium ist es ja häufig so, dass man einen oder zwei Dozenten hat, die einen ganz besonders beeindrucken. Bei mir war das auch so. Ein Experte für Kommunikation, für Versprecher und Reparaturen, für Verständigungssicherung. Einer von der alten Schule, mittlerweile längst emeritiert. Und dieser Professor, der sich doch bestens mit dem Thema Sprachwandel auskennen sollte, beschwerte sich gerne über den „laschen“ Umgangston – auch ihm gegenüber im universitären Kontext. Gerade in der digitalen Kommunikation hätte sich da der Schlendrian eingeschlichen und das fände er mehr als ärgerlich. Einmal erzählte er von einer Anrede eines Kommilitonen in einer E-Mail:

„Hallo Professor …“

In seinen Augen eine unangemessene oder zumindest unpassende Ansprache, denn standardmäßig erfordere der Briefverkehr mindestens ein „Guten Tag“. Mittlerweile geht es nicht mehr um „Hallo“ oder „Guten Tag“, die Diskussion dreht sich heute um das inflationär benutzte „Du“. Eigentlich eine spannende Geschichte, denn es hat lange gedauert, bis das starre Siezen ein bisschen aufgeweicht wurde.

Erst mit dem Wegbrechen der Ständegesellschaft war es überhaupt denkbar, eine Anredeform für alle einzuführen. Vorher waren Anredenormen von oben nach unten „du“, von unten nach oben „Ihr“ bzw. andere festgelegte Formulierungen wie „mein Herr“ oder aber – man denke an England – „Eure Lordschaft“. Beim Übergang in die bürgerliche Gesellschaft um 1800 war man dann beim Siezen angekommen. Und das hielt sich eine ganze Weile ohne Ausnahmen. Nur im privaten Bereich gab es das „Du“ – und unter Studierenden.

 

Duz-Comment in Vereinen und an Universitäten

An den Universitäten gab es nämlich das sogenannte Duz-Comment. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war das eine stillschweigende Übereinkunft, die sich dann allerdings aufweichte und bis ins frühe 20. Jahrhundert fast als ausgestorben galt. Erst in den 1960er Jahren kam das „Du“ zurück – jedenfalls an deutschen Universitäten. Da duzte man sich dann auch nicht nur unter den Studierenden, sondern auch mit den Dozenten. Hauptsächlich ging es um eine Verflachung der Hierarchien, sagt der Linguist Martin Hartung in einem Interview mit der FAZ.

 

Das „Du“ wird ins Private zurückgedrängt

Mittlerweile ist aber auch an der Uni eine Rückkehr zum „Sie“ empirisch belegt. Dozenten werden gesiezt, Studierende untereinander duzen sich. In anderen Bereichen hat sich das „Du“ gehalten, zum Beispiel in weiten Teilen der Gastronomie oder in Fitness-Studios. Da kann man sogar von der Gruppe ausgegrenzt werden, wenn man sich über dieses Commitment hinwegsetzt. Das „Sie“ signalisiert in diesen Kontexten Distanz oder Ungleichheit und ist daher nicht gern gesehen.

Im Coaching ist das „Du“ ebenso häufig anzutreffen. Es signalisiert soziale Nähe, baut Hemmungen ab und will hierarchische Zustände vermeiden. Denn gecoacht wird auf Augenhöhe – das soll auch in den Umgangsformen deutlich werden. Aus den gleichen Gründen können Trainer sich dazu entschließen, ihren Gruppen das „Du“ anzubieten. Unter Umständen kann es zu einer entspannteren Arbeitsatmosphäre beitragen.

 

Du Anna, Sie Anna oder Sie Frau Koschinski?

Auf der sicheren Seite ist man, wenn man Fremde grundsätzlich Siezt – es sei denn man befindet sich in einem Kontext, der das „Du“ erfordert. Familienangehörige und Freunde werden geduzt, außerdem Kinder. Wie man nun damit umgeht, wenn Kinder erwachsen werden, muss im Zweifel individuell ausgehandelt werden. In der Schule werden Schüler ab der Oberstufe meist gesiezt oder man bleibt nach Absprache beim „Du“. Häufig findet auch das Hamburger Sie Anwendung.

 

Bewusst Akzente setzen

Bei so vielen Regeln kann man schon mal durcheinander kommen, aber grundsätzlich macht es Sinn, in einer unbekannten Situation den Kontext zu betrachten und dementsprechend die Anredeform auszuwählen. Und letztlich ist es doch spannend, wie viel allein durch diese kleine Veränderungen in der Anrede transportiert wird: an Haltung, an Wissen, an eigenem Erziehungshintergrund – und letztlich auch an Stil.

 

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