Das Guten-Morgen-Experiment – ein Selbstversuch (1)

Als gebürtige Bielefelderin werde ich regelmäßig mit ganz bestimmten Vorurteilen konfrontiert: „Ach so, aus Ostwestfalen… Naja, die sind eben so.“ Ja, wie sind wir Ostwestfalen denn so? Und wie kommt dieser bestätigende Ton in der Stimme zustande? Als hätte man endlich die Erklärung für mein außergewöhnliches Verhalten gefunden. Ja, es stimmt: hier in der Ecke ist man vielleicht wirklich zurückhaltender mit Herzlichkeit und vielen großen Worten als in südlicheren Gefilden. Kommunikation wird eben eher zu einem Zweck eingesetzt und nicht sinnlos verschleudert. Aber Vorurteil bleibt doch Vorurteil und somit werde ich in der kommenden Woche über meinen ostwestfälischen Schatten springen.

Die allseits bekannte mürrische Art und die zurückhaltende Kommunikation der Ostwestfalen potenziert sich meiner Erfahrung nach, wenn es früh am Morgen ist. Man könnte sagen, die Menschen sind dann noch unkommunikativer als sie es sowieso schon sind. Und dieser „Morgen“ erstreckt sich vom Aufstehen, über das Frühstück bis hin zum Weg zur Arbeit. Manchmal auch darüber hinaus. Also eigentlich ist auch der halbe Vormittag betroffen. Bei mir ist das definitiv auch so. Vor meinem ersten Kaffee am Morgen bin ich eigentlich nicht in der Lage zu sprechen. Und das werde ich ab Montag ändern. Kommunikation 2.0 sozusagen.

Wie groß die Überwindung tatsächlich ist und ob eine Verhaltensänderung Vor- oder Nachteile bringt, das wird mein Selbstversuch zeigen. Die Kommunikations-Strategie: unerwartete und deshalb evtl. irritierende Höflichkeit und Freundlichkeit.

Der Versuch (Experiment darf ich es per Definitionem eigentlich nicht nennen)

Jeden Morgen irgendwann zwischen halb neun und 10 bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs; erst mit dem Bus, dann mit der Straßenbahn. Mein Weg (inklusive Fußweg) dauert ungefähr eine Dreiviertelstunde. Ich treffe dabei ziemlich viele Menschen und einigen komme ich sogar – je nachdem, wie voll Bus, Bahn und Aufzüge sind – ziemlich nah. Normalerweise ist die beliebteste Kommunikations-Strategie meiner Mitbürger (und auch von mir!!!), möglichst wenig in Kontakt mit den anderen Menschen zu kommen. Mit Ausnahme von wichtigen Sätzen wie „Entschuldigung, darf ich da mal…“ wird so gut wie gar nicht gesprochen. Ich werde nun eine neue Strategie ausprobieren, meine Kommunikation komplett umkrempeln.

Ab Montag werde ich meine „Mitreisenden“ mit einem überaus freundlichen „Guten Morgen“ begrüßen. Bei allen Gelegenheiten, die sich mir so bieten. Ich werde eine offene Kommunikation pflegen. Und ich werde dokumentieren, welche Reaktionen dieses (für eine Ostwestfälin wahrscheinlich ungebührliche!) Verhalten hervorruft und was dabei mit mir selbst passiert. Ich könnte mir vorstellen, dass mir diese überaus ungewohnte Freundlichkeit erst einmal schwer fällt.

Was erwartet mich wohl…?

Ich frage mich, ob diese neue Strategie wohl Vorteile hat, die ich bislang noch nicht sehen kann. Schließlich könnte es sein, dass der Busfahrer mir einmal weniger die Tür vor der Nase zu macht wenn ich nett grüße? Oder dass die Oma ihren Rollator ein wenig verschiebt, sodass er nicht ständig gegen mein Knie fährt? Oder dass der immer gestresste Herr im Anzug mal nicht mit den Augen rollt weil ihm die anderen Fahrgäste zu langsam aussteigen? Also ich kann nur sagen, ich bin jetzt schon sehr gespannt… Kommunikation ist doch immer für eine Überraschung gut. Die Ergebnisse gibt’s dann in einer guten Woche hier in Teil 2!

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